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Beihilfe zum Völkermord: Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier

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Sputnik Magazin:
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Der Massenmord an den armenischen Christen im Osmanischen Reich jährt sich jetzt zum 100. Mal. Was ist damals geschehen und was wusste Deutschland, dessen Kriegsverbündete die Türken waren?
Jürgen Gottschlich, Mitbegründer der taz und Autor des Buches „Beihilfe zum Völkermord: Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier“ meint: "Der deutsche Einfluss war groß."

Vor dem Ersten Weltkrieg stellten die Armenier mit 1,7 Millionen Menschen ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung Anatoliens. Die osmanische Staatsführung machte die Armenier kollektiv für die militärischen Probleme in Ostanatolien verantwortlich. Sie nahm den russischen Einmarsch als Vorwand, das Gros der armenischen Bevölkerung zu deportieren, was unter den gegebenen Umständen einem Massenmord gleichkam. Die damalige türkische Regierung wollte den Krieg nutzen, um den osmanischen Vielvölkerstaat in einen homogenen türkischen Staat umzuwandeln. Und die Armenier waren die größte nichtmuslimische Volksgruppe, nachdem die Griechen ausgesiedelt worden waren.

Welche Rolle spielte Deutschland beim Völkermord an den Armeniern? Wie groß war damals der deutsche Einfluss auf die türkische Regierung? Hätte Deutschland den Genozid verhindern können?

Jürgen Gottschlich meint dazu: "Der deutsche Einfluss war groß. Hohe deutsche Offiziere haben die osmanischen Offiziere ausgebildet. Deutsche Offiziere waren auch an ganz wichtigen Stellen im osmanischen Generalstab und hatten dort eine große Entscheidungskompetenz. Selbst der Generalstabschef war ein Deutscher. Zwei der sechs osmanischen Armeen wurden von deutschen Generälen kommandiert. Meine These ist, und das teile ich mit fast allen nicht-türkischen Historikern, dass ohne dass deutsch-türkische Bündnis während des 1. Weltkrieges dieser Genozid nicht stattgefunden hätte. Deutschland war der wichtigste Bündnispartner, sozusagen der große Bruder der Türkei. Deutschland wollte das Osmanische Reich als Ausgangsbasis für den Kampf um Weltgeltung gegen das Britische Empire nutzen."

Gottschlich zitiert in seinem Buch den damaligen deutschen Marineattaché Hans Humann mit den Worten: Die Vernichtung der Armenier sei "hart, aber nützlich". Die Türkei entledigt sich damit eines inneren Feindes und wird dadurch für Deutschland ein stärkerer Bündnispartner. So wurden einzelne persönliche Versuche deutscher Diplomaten in der Türkei, die auf den Genozid hinwiesen, von der Berliner Regierung unterbunden, da die Stärke Ihres Bündnispartners für sie Priorität hatte.

Es gibt ein berühmtes Zitat von Hitler, dessen Quelle noch immer etwas unklar ist, wo er gesagt haben soll: "Wer denkt heute noch an die Armenier?" Kann es also sein, dass die Nazis für ihre späteren Gräueltaten von den Türken gelernt hätten? Gottschlich: "Ich glaube nicht, dass der Völkermord an den Armeniern der Vorlauf für den Holocaust gewesen ist. Allerdings war die rassistische Einstellung mancher preußischer Offiziere gegenüber den Armeniern nahezu identisch mit dem späteren Vokabular der Nazis gegenüber den Juden."

Am 24. April, dem 100. Jahrestag dieses Genozids wird es hoffentlich eine Debatte dazu im Bundestag geben, wo dann auch über die deutsche Verantwortung geredet werden sollte. In der Bundeserklärung zum 90. Jahrestag, 2005, wurde die Rolle Deutschlands nur als "unrühmlich" bezeichnet. Man wolle den Begriff Völkermord nicht verwenden, um sich nicht als Richter aufzuspielen. Jürgen Gottschlich spricht von einem Dilemma: "Wenn die Bundesregierung von einem Völkermord spricht, müsste sie ja gleichzeitig zugeben, dass auch Deutschland seinen schlimmen Anteil daran hatte."

Etliche europäische und außereuropäische Länder und auch das Europaparlament, allen voran Frankreich, haben den Völkermord anerkannt. Deutschland hat das bisher nicht getan.

Und wie ist die Haltung der Türkei, als Rechtsnachfolger des Osmanischen Reichs, zu dem Thema? Gottschlich: "Die türkische Regierung stellt sich bis heute auf den Standpunkt, es habe keinen Völkermord gegeben, sondern die Deportation der Armenier sei aus kriegsnotwendigen Gründen vollzogen worden, weil die Armenier angeblich mit dem damaligen Kriegsgegner Russland kollaboriert hätten. Und bei der Deportation seien halt aufgrund des Krieges viele umgekommen, aber man könne auf keinen Fall von Völkermord reden."

Dem Völkermord in den Jahren 1915/16 fielen mehr als eine Millionen Armenier zum Opfer. Die Ereignisse, die von den Armeniern selbst mit dem Begriff „Aghet“ – Katastrophe – bezeichnet werden, sind durch umfangreiches dokumentarisches Material aus den unterschiedlichsten Quellen belegt.

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