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Mehr als sexy: Warum Bairisch wieder gefragt ist
« am: 22. April 2014, 12:58:03 »
Sprich Hochdeutsch? Red Boarisch! Der Dialekt hat gegenüber der Standardsprache in den letzten Jahren deutlich aufgeholt. In einer neuen Serie spürt die PNP dem Reichtum des Bairischen nach.


Magdalena Neuner spricht es. Auch Martina Schwarzmann. Und "Haindling" Hans-Jürgen Buchner sowieso. Was den Charme des Bairischen ausmacht? "Es klingt sexy − oder?" Rosemarie Spannbauer-Pollmann lacht, als sie dieses Umfrage-Ergebnis zitiert. In der Tat wird Bairisch beinahe jährlich mit deutlichem Abstand als beliebtester und attraktiver deutscher Dialekt bestätigt.
Die Koordinatorin der "Projekte zur Sprachraumforschung" an der Universität Passau hat aber natürlich auch noch fundiertere Argumente für ihre erste Muttersprache. "Bairisch ist der größte Dialektverbund in der deutschen Sprache", führt sie an. Was aber noch mehr zählt: "Bairisch ist über Generationen hinweg in seiner Struktur und seiner Lautung stabil geblieben. Deswegen erkennen die Menschen ganz genau, wenn sie mit einem der ihren reden − selbst wenn derjenige inzwischen ,nach der Schrift spricht‘."

Der Varianten-Reichtum des Dialekts schlägt sich hingegen im Sprachraum nieder. Und da ändert sich ein Begriff bisweilen schon von einem Ort zum anderen. Genau das zu untersuchen haben sich Rosemarie Spannbauer-Pollmann und ihre Kollegen zur Aufgabe gemacht. Meter für Meter reihen sich die Ordner in ihren Büros aneinander, jeder einzelne ein Beleg für ein einziges Wort, einen einzigen Ausdruck − akribisch aufgezeichnet in den 221 ostbairischen Altgemeinden zwischen Arnbruck und Kirchdorf am Inn. Über eine Million Datensätze sind dabei allein für die niederbairische Sprache zusammengekommen. Zusammengefasst und veröffentlicht haben die Passauer Wissenschaftler ihre Erkenntnisse im "Sprachatlas von Niederbayern". Gleiches gilt für den oberbayerischen Raum, an dem an 350 Orten Passauer Wissenschaftler Dialektbefragungen durchführten. Für die anderen bayerischen Regierungsbezirke erarbeiteten Kollegen an den dort ansässigen Universitäten entsprechende Kompendien. Mittlerweile liegt sogar der "Sprechende Sprachatlas" vor: Wer mit der Maus am Computer über die Landkarte fährt, kann hören, ob die Bewohner in einer Gemeinde etwa die Heidelbeere als "Heidbeere" oder als "Aiglbeere" kennen.

1989 haben die Passauer mit ersten Probe-Erhebungen im Bayerischen Wald begonnen. "Da haben wir von den Leuten oft gehört: Was wollts ihr denn, wir sprechen ja net sauber, wir sprechen derb", erinnert sich Rosemarie Spannbauer-Pollmann. Der Dialekt war verpönt; wer nur Bairisch redete, galt schnell als beschränkt. "In der Schule war Dialekt zu sprechen verboten, und so mancher ist dann halt einfach verstummt. Da ist viel kaputt gegangen an Selbstwertgefühl." Wer auf sich hielt, lernte und sprach Hochdeutsch. "Aber was heißt denn Hoch-Sprache? Das Oberdeutsch hat sich ja eigentlich im 16., 17. Jahrhundert von Süddeutschland aus durch gedruckte Schriften nach Mitteldeutschland verbreitet, so dass primär die schriftliche süddeutsche Sprache das Hochdeutsch ist", gibt die Sprachwissenschaftlerin zu bedenken.

Heute haben sich die Vorzeichen gründlich geändert: Dialekt gilt wieder als schick. Die PISA-Erhebungen wollen herausgefunden haben, dass Mundartsprecher sich in der Schule sogar leichter tun, weil sie von Haus aus "zweisprachig" aufwachsen. Rosemarie Spannbauer-Pollmann hat auch eine Erklärung für diese Renaissance des Dialekts: "Je pluralistischer unsere Gesellschaft wird, desto eher besinnen sich die Menschen auf ihre Wurzeln. In der Sprache erhalten sie sich einen Bereich ganz für sich, den sie als Heimat empfinden. In einer zunehmend globalisierten Welt gewinnt der Dialekt als fester Standort und Ankerpunkt für den Einzelnen an Bedeutung."

Den Reichtum und die Farbigkeit der Wörter (Kuckuckschecken oder Sommermerl für Sommersprossen), die Leichtigkeit, mit der fremde Einflüsse aufgenommen werden (Böfflamott oder Potschamperl) oder auch die ganz eigenwilligen und eigenständigen Konstruktionen (siehe unten der Pluralartikel) − all das wollen die Mundartforscher der Universität Passau in den kommenden Monaten in der PNP beleuchten. Die neue Serie "Auf Bairisch g'sagt" will auf unterhaltsame Art Dialektsprecher bestärken und "Zuagroaste" ermuntern, die hiesige Mundart ins Herz zu schließen.