Autor Thema: Radtour am Inn entlang: Von Innsbruck bis nach Passau in drei Tagen  (Gelesen 4812 mal)

Gabriel Grant

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Innsbruck/Passau


Selber schuld. Wir hätten ja auch ein gemütliches verlängertes Wochenende auf der Terrasse verbringen können. Beine hoch und faulenzen. Aber nein − eine Radltour sollte es sein. Von der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck den Inn entlang bis nach Passau. Mit kleinen Abstechern ziemlich genau 350 Kilometer in gut drei Tagen. Dass wir den inneren Schweinehund überwunden haben, haben wir aber nicht bereut. Keine Sekunde.
Eigentlich standen ja sogar gut 400 Kilometer auf dem Plan. Den 58 Mehr-Kilometern von Imst nach Innsbruck machen allerdings zu geringe Fahrradmitnahme-Kapazitäten der Österreichischen Bundesbahnen im Morgenzug einen Strich durch die Rechnung. Deshalb der Tipp: Unbedingt rechtzeitig reservieren! Dann klappt es auch mit dem Stellplatz im IC. Die Mitnahme im Regionalzug von Passau bis Wels bis zum Umsteigen ist übrigens unproblematisch. Das stellen auch die vier sportlichen Damen aus Schärding und Umgebung fest, die in der österreichischen Grenzstadt zusteigen und auch nach Innsbruck wollten. Sie freuen sich schon auf die "familienfreundliche Tour" entlang des Inns. Skepsis meinerseits quittieren sie mit leichtem Kopfschütteln. Wir sollten sie später wiedertreffen...

Wo der Inn ist? Keine Ahnung!
So kommen wir erst gegen 17 Uhr am Innsbrucker Hauptbahnhof an und haben nur knapp 20 Kilometer bis zur ersten gebuchten Unterkunft in Wattens, dem Stammsitz des Kristallunternehmens Swarovski. Schon in Innsbruck passiert uns ein Fehler. Drauflosradeln, ohne sich vorher gut zu orientieren? Ganz schlecht. Einfach einen Fußgänger fragen, wo der Inn liegt? Das funktioniert auch nicht. Die ersten fünf zucken nur mit den Achseln, nicht einmal Taxifahrer sind sich einig. Erst ein älteres Paar und ein erster Blick aufs Navigationsgerät bringen uns wieder auf den rechten Weg.

Vorbei an Hall in Tirol und der malerischen Karlskirche rollen wir nach etwa einer Stunde in den Swarovski-Ort Wattens. Über zwölf Millionen haben sich übrigens schon für die Kristallwelten und die vierzehn unterirdischen Wunderkammern des Multimediakünstlers André Heller begeistert. Am 6. Oktober 2014 ist aber erst einmal Schluss. Ende April 2015 sollen die Kristallwelten nach Erweiterungsarbeiten in neuem Glanz erstrahlen.

Wie das Gepäck transportieren, welche Räder nehmen? Was soll mit, was kann man sich sparen? Diese Fragen beschäftigten meine bessere Hälfte und mich schon einige Zeit vor der Fahrt. Den ursprünglichen Plan, dass wir beide mit unseren KTM-E-Cross-Rädern mit Panasonic-Heckantrieb losstarten, haben wir schnell verworfen. Tagesetappen bis gut 120 Kilometer mit Gepäck − das kann bei einer Ladezeit der Akkus von fünf Stunden nicht klappen, auch wenn es in der Nähe des Radwegs E-Bike-Ladestationen gibt.

Kiloweise Gepäck

Unser Kompromiss: Die Frau nimmt ihr elf Kilo leichtes Mountainbike der US-Firma Klein und einen Mini-Rucksack, ich bin mit KTM E-Cross und einspurigem Bob-Ibex-Anhänger für den Gepäcktransport zuständig. Mit dem Akku meiner Frau ist das "Nachtanken" unterwegs − dank minimal gewählter Elektrounterstützung fällig nach jeweils 80 Kilometern − kein Problem mehr. Im sieben Kilogramm schweren Anhänger mit wasserdichter 94-Liter-Tasche dürfen fünfzehn weitere Kilogramm mit. Akku, Ladegerät, drei gute Schlösser und das wichtigste Werkzeug gehen ganz schön ins Gewicht. Ansonsten: frische Radklamotten für jeden Tag, was für die Abende, ein paar Liter Getränke, ein paar Riegel für den Hunger unterwegs, Regensachen. Im Rucksack nochmal gut fünf Kilo: Getränke, Kamera, Verbandszeug, Sonnencreme. Rasierer? Viel zu schwer. Der gefederte Bob Ibex bewährt sich und läuft hinter dem KTM her "wie ein Hunderl".

Nach einem stärkenden Frühstück geht es jeden Tag so schnell wie möglich auf die Radl, die "Marschgeschwindigkeit" pendelt sich in der Ebene zwischen 21 und 26 Kilometern pro Stunde ein. Da bleibt auch bei Tagesetappen bis zu 122 Kilometer − am letzten Tag von Mühldorf am Inn nach Passau − Zeit für kleine Abstecher. Auf dem Weg Richtung Kufstein nehmen wir etliche Höhenmeter in Kauf, um bei Kramsach nach links in ein Seitental einzufahren. Wir besuchen das Museum Tiroler Bauernhöfe, das ähnlich wie das Museumsdorf am Dreiburgensee im Landkreis Passau einen schönen Einblick in das harte Leben der Bauern in früheren Zeiten gibt.

Langsam regnet es sich ein, die Sicht auf die immer noch hohen Berge wird schlechter, in Kufstein wehen die Fahnen fast waagrecht. Natürlich Gegenwind. Na toll. Noch ein kurzer Blick auf die malerische Festung − wäre so ein Schrägaufzug nicht auch etwas fürs Passauer Oberhaus? − und es geht weiter ins oberbayerische Niederaudorf, zum Ziel der ersten 90-Kilometer-Etappe. Leider etliche davon auf geraden, nicht enden wollenden Dämmen. Die sind echt langweilig. Sanft fließt der grün schimmernde Inn dahin. Man kommt ins Grübeln. Was hat der jetzt so harmlose Bursche Anfang Juni 2013 in Passau bloß angestellt? Aber eigentlich ist er unschuldig. Eingequetscht zwischen Kanalmauern und Dämmen hat er oft kaum Platz, sich auszubreiten.




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