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Erdogan wird für "Massaker" verantwortlich gemacht
« am: 15. Mai 2014, 10:40:34 »
Grubenunglück


Während die Zahl der Toten nach dem verheerenden Unglück in einem türkischen Kohlebergwerk weiter steigt - bisher wurden 274 Todesopfer gezählt -, gerät die Regierung von Premier Recep Tayyip Erdogan schwer unter Beschuss. Gewerkschaften, Angehörige und Oppositionsparteien werfen der Regierung vor, für das "Massaker" verantwortlich zu sein. In Ankara und Istanbul kam es am Mittwoch zu gewaltsamen Ausschreitungen.
Erdogan machte sich unterdessen selbst ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe vor Ort - wo er wenig freundlich empfangen wurde.

Türkische Fernsehsender korrigierten die Zahl der Todesopfer am Mittwochabend unter Berufung auf die Behörden auf mittlerweile 274. Damit ist das Unglück die schwerste Katastrophe in einem Bergwerk in der Geschichte der Türkei. Es ist zugleich das schwerste Grubenunglück weltweit seit 1975.

Gewaltsame Ausschreitungen in Ankara und Istanbul
In Istanbul kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei als sich Tausende Menschen an einer Kundgebung beteiligten und Parolen gegen die Regierung riefen. Die Polizei setzte Tränengas, Wasserwerfer und Gummigeschoße gegen die Demonstranten ein, unter denen zahlreiche Anhänger linksgerichteter Gewerkschaften waren. Mehrere Menschen wurden verletzt, Berichten zufolge gab es auch Festnahmen.

Auch in Ankara war die Polizei am Abend gegen drei- bis viertausend Demonstranten vorgegangen, nachdem aus der Menge Feuerwerkskörper auf die Sicherheitskräfte geworfen wurden. Etwa 800 Demonstranten hatten in der Hauptstadt bereits am Nachmittag Steine auf Polizisten geworfen und regierungsfeindliche Parolen gerufen. Die Polizei wiederum setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Spontane Kundgebungen gab es auch in anderen Orten der Türkei.

Erdogan: "Passiert überall auf der Welt"
Erdogan kündigte unterdessen bei einem Besuch am Ort der Katastrophe umfassende Ermittlungen an und versprach, "keine Nachlässigkeit" zu dulden. Dutzende aufgebrachte Einwohner von Soma demonstrierten nahe dem Gebäude, in dem der Regierungschef seine Pressekonferenz hielt. Sie versetzten seinem Auto Fußtritte und forderten den Rücktritt der Regierung, wie die private Nachrichtenagentur Dogan berichtete. Erdogan wies jedoch jede Verantwortung der Regierung zurück: Derlei Arbeitsunfälle passierten "überall auf der Welt", sagte er.

Das türkische Ministerium für Arbeit und soziale Sicherheit hatte zuvor erklärt, die Grube sei zuletzt am 17. März auf Sicherheitsmängel untersucht worden. Dabei habe es keine Beanstandungen gegeben. Der Bergwerksbetreiber Soma Komur erklärte, der "tragische Unfall" habe sich "trotz höchster Sicherheitsmaßnahmen" zugetragen.

Grubenunglücke als Teil des profitorientierten Systems
Doch in der Türkei kommt es immer wieder zu tödlichen Grubenunfällen. Das bislang folgenschwerste Unglück der jüngeren Vergangenheit ereignete sich 1992 in einem Bergwerk in der Provinz Zonguldak. Dort starben bei einer Gasexplosion 263 Menschen. Als Hauptfaktor für die Unglücke sehen viele die Wirtschaftspolitik des Landes, die Profit und Wirtschaftswachstum über alles stellt - auch über die Sicherheit der Arbeiter.

Der Vorsitzende der linken Gewerkschaft DISK, Kani Beko, kritisierte am Mittwoch, in der Zeche seien zahlreiche Arbeiter von Subunternehmern beschäftigt gewesen. Beko sprach von einem "Massenmord" in dem Bergwerk. Die deutsche Bergbaugewerkschaft IG BCE kritisierte die Sicherheitsvorkehrungen. "Die Katastrophe in Soma ist das jüngste Glied in einer langen Kette schrecklicher Grubenunglücke in der Türkei", sagte der Gewerkschaftsvorsitzende Michael Vassiliadis. Dabei habe es immer wieder Verstöße gegen Sicherheitsbestimmungen gegeben. Mindestvorschriften im Arbeits- und Gesundheitsschutz würden nicht eingehalten.

Erdogans AKP lobte erst kürzlich die Sicherheit der Minen
Die regierende AKP unter Erdogan hat erst vor Kurzem trotz wiederholter Klagen einen Antrag der Opposition im Parlament abgeblockt, laut dem die Sicherheitsmaßnahmen im Unglücksbergwerk in Soma hätten untersucht werden sollen. "Die türkischen Minen sind sicherer als die in den meisten anderen Staaten", erklärte damals Muzaffer Yurttas, für den Wahlkreis Soma zuständiger Abegordneter. "Wenn Gott will, wird nichts passieren, nicht einmal ein Nasenbluten", fügte er hinzu.

Wird nach Gezi- Park die nächste Protestlawine losgetreten?
Die Türkei war bereits zerrissen zwischen Anhängern des immer autoritärer regierenden Erdogan und seinen erbitterten Feinden. Dieser Riss könnte laut Beobachtern jetzt noch tiefer werden, auch Teile der Landbevölkerung könnten nun beginnen, sich vom Premierminister abzuwenden.

Im Vorjahr hatten ein paar Bäume im Istanbuler Gezi- Park, die Erdogan für ein Bauprojekt fällen lassen wollte, genügt, um wochenlange blutige Straßenschlachten auszulösen. Jetzt wird die Opposition alles versuchen, um Erdogan persönlich für die Grubenkatastrophe verantwortlich zu machen.

Angehörige stürmen Krankenhaus
In der Kohlemine in Soma sind unterdessen weiterhin Hunderte Kumpel tief unter Tage eingeschlossen. Die Rettungskräfte konnten in ihrem unermüdlichen Einsatz nach Angaben des Katastrophenschutzes bisher über 300 Arbeiter retten. 85 von ihnen wurden verletzt in das überfüllte Krankenhaus der Stadt gebracht, das seither von Angehörigen gestürmt wird.

Feuer legte Stromversorgung und Luftzufuhr lahm
Zum Unglückszeitpunkt seien 787 Bergleute unter Tage gewesen, berichtete Energieminister Taner Yildiz. Es sei Schichtwechsel gewesen, daher sei die Zahl so hoch. In dem Bergwerk war am Dienstag ein Feuer ausgebrochen, das die Stromversorgung lahmlegte. Dadurch konnte keine Frischluft mehr in die Schächte gepumpt werden, und die unter Tage auf ihren Schichtwechsel wartenden Kumpel saßen fest, da die Förderkörbe nicht an die Oberfläche gebracht werden konnten.

Während es in ersten Berichten hieß, eine Stromanlage sei explodiert und dadurch sei das Feuer ausgebrochen, sagte Mehmet Torun von der Bergwerkskammer, ein nicht mehr aktiver Flöz habe sich erhitzt und Kohlenmonoxid durch die Schächte und Stollen verströmt.

Geringe Überlebenschance für Eingeschlossene
Seit der Nacht pumpen die Rettungskräfte Sauerstoff in die Schächte. Torun gab aber zu bedenken, dass eine Kohlenmonoxidvergiftung binnen drei bis fünf Minuten zum Tode führt. Sollten die eingeschlossenen Bergleute sich nicht in irgendwelche Frischluft- Blasen gerettet haben, dürfte wohl keiner von ihnen mehr lebend an die Oberfläche gebracht werden, zumal sich die Eingeschlossenen laut türkischen Medien etwa vier Kilometer vom Ausgang enfernt befinden.