Autor Thema: Wandern | Almleben: "De Zeit rennt ned so viare"  (Gelesen 960 mal)

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Wandern | Almleben: "De Zeit rennt ned so viare"
« am: 24. Juli 2014, 09:42:59 »
Wandern


Etwas heller, etwas dunkler – die Kampenwandbahn gibt bei Maria Anner einen Takt an, der sie aber nicht sonderlich berührt. Immer wenn drüben, einige hundert Meter von der Michlalm entfernt, etwas "Gewichtiges von drunten" auf die Bahn geht, eine Gondel voller Leute etwa, die dem Gipfel zustreben, dann geht die Stromversorgung leicht in die Knie, die Glühlampe über dem Bauerntisch in der Stube ihrer Almhütte bekommt dann nicht mehr genügend Watt ab. Ein klein bisschen dunkler, ein bisschen heller. Das spielt so wenig eine Rolle, wenn man selbst doch mit Sonnenauf- und -untergang rechnet; und dazwischen mit dem Tagwerk so, wie es von der Natur bestimmt ist.
Vier Monate, das ist ein Drittel vom Jahr, das einem von Tal und Trubel fehlt, wenn man wie die 20-Jährige ganz droben ist. Im Juni hat sie die gut 20 Stück Vieh aufgetrieben, wo sich noch die Schneefelder bisweilen vergeblich gegen die jäh aufbrechende Natur zu stemmen versuchen. Edelweiß, Almrausch und Augentrost müssen sich dort beeilen, ihre knappe Zeit zu nutzen wie die Kräuter und Gräser, die die Kühe und noch mehr Kälber langsam mahlend und wiederkäuend auf "Kulturlandschaftsniveau" mit Ausblick stutzen. Für einen aufkeimenden Krummholzgürtelbewuchs auf knapp 1500 Metern ist der Mensch selbst zuständig. Satelliten wachen im Auftrag der EU-Landwirtschaftsförderung zentimetergenau, dass da nicht zuwuchert, was eine einzigartige Landschaft ausmacht. Da ziehen sich die getretenen Wege der Tiere wie kleine Reisterrassen immer längs den Berg herum, so weit die Alm reicht und die Glocken beruhigend bimmelnd anzeigen, dass sie noch da sind, auch wenn sie vom Nebel verschluckt wurden; zumindest bis das volle Euter zwickt und sie zum Melken umkehren lässt.

Freilich muss die Maria ebenso wie ihre Nachbarin, die Scheck Ingrid, darauf achten, dass das normale Leben auch seine Bahnen geht. Das pure Idyll ist es nicht immer, wenn das Wetter grollt. Jede von ihnen hat vom Tagwerk einen ehrlich kräftigen Händedruck, auch wenn die Maria mit ihrem blonden Zopf, den roten Wangen und einem gerade rausbrechenden und bezaubernden Naturlachen fast mehr wie die gerade erwachsene Heidi wirkt als der knorrige Almöhi, den man aus der "Klischee-Ferne" dorthinauf verorten würde. Acht Monate arbeitet sie sonst in fremden Ställen und Küchen als Hofhelferin, weil es die eigene, väterliche Sache nicht alleine trägt. Da ist für sie Winter. Aber den Sommer über will sie nicht ins Tal.

Wozu auch. Ein Gerät, in dem die Bahnstromschwankungen die Facebookpixel durcheinanderwirbeln oder Ladeströme am Smartphone stören könnte, hat sie nicht, braucht sie nicht, will sie nicht. "Das ist mir zu blöd." Und: "Ich stell doch mein Leben nicht aus!", sagt sie ganz weise. Langweilig ist ihr eh nicht. Sie liest, sie rätselt, sie hat die Ingrid als Nachbarin nur ein paar Meter höher auf der Schlechtenbergalm. Und sie haben die vielen Wanderer, die nach dem Gondelaufstieg herab vorbeikommen. "Am Berg weißt mehr als drunten, was im Tal los ist", sagen die beiden, die sich abends noch gerne auf einen Ratsch auf das gemeinsame Aktualitätslevel bringen, bevor es früh ins Nachtlager geht. Da hat die Maria dann zuvor mit dem ersten Morgenlicht die Milch vom Vortag in Rahm und Magermilch zentrifugiert, dann die Kühe gemolken, die nach der Nacht auf Erleichterung drängen. Es braucht ein paar Reifungsprozesse für die Zwischenprodukte. Dann wird der Rahm zu Butter und Buttermilch gerührt. Es werden Formen gefüllt und die Endprodukte gekühlt und schließlich eingefroren, damit die Familie das ganze Jahr was davon hat. Vermarkten dürfte sie das nicht, was so herrlich nach urtümlich, überliefert, überkommen, rein und geschmackvoll klingt. Da sind die Hygienegesetze in einer modern tickenden Welt im europäischen Tal drunten unerbittlich. Aber wozu auch verkaufen, wenn man das Bessere so selbst behalten kann?

Die Ingrid von der Nachbaralm kann immerhin einen eigenen Kräuterfrischkäse und Buttermilch zur Brotzeit im Almstüberl und auf der Terrasse reichen. Etwas tiefer steht die Gorialm. Da tischt der Gori-Paule − eigentlich heißt er für diejenigen Moosmüller, die die alte Hausnamenstradition nicht kennen − seinen weithin bekannten Kaiserschmarrn auf, der seine karamelligen Röstaromen aus selbst ausgelassenem Rinderschmalz bezieht, bräunlich und süßlich, wie man es vom Supermarkt nie kennen und bekommen könnte. Und er hat seine Gori-Wurzn dabei, die aus reinem, eigenem Rind und charaktervollen Kräutern und Gewürzen einen Grund schaffen, dass die Leute auch von der Wanderseite herauf ein paar steile Stunden in Kauf nehmen, um den entsprechenden Hunger dafür zu entwickeln, dass Regionalität doppelt schmeckt. Der Paul ist aber auch Metzger mit EU-Zulassung. Der muss dafür auch immerhin täglich ins Tal, wo der Takt schon wieder etwas anders läuft. Aber auch er hat einen kräftigen Händedruck von der Arbeit und von der Überzeugung, dass es das wert ist, ein Rind länger und glücklicher auf der Alm stehen zu lassen, auch wenn es dafür keine Rasse mit erstklassigem Fleischansatz oder maximaler Milchleistung sein kann. Da schließen sich andere Kreise. Die überschüssige Magermilch füttert noch wie früher die Kälber besonders eiweißreich.

Die Wege sind kurz, der Stress gering, auch wenn Almwirtschaft natürlich immer auch hier mit Nutzen zu tun hatte. Früher war Alm noch von sich aus nötig, um im engen Tal heuen zu können, was im Stadel benötigt wurde, um ein paar Stück mehr über den Winter zu bringen. Und heute vielleicht mehr, wo Landschaftspflege entsprechend mit belohnt wird, dass der Ausblick zum Chiemsee hinunter nicht vom Bergwald zurückerobert wird. Aber alleine das "Lohnen" ist es nicht, was die Maria und die Ingrid vier Monate oben hält, bevor der feierliche Tag des Almabtriebs für sie auch ein trauriger Tag des A b s c h i e d s wird. Da binden sie vorher viele Papierblumen aus buntem Feinkrepp und einem "Blitzer" aus Alufolie als Stempel in der Mitte, der die bösen Geister täuschen und ablenken soll. Da umwickeln sie für die erfahrensten Damen der Herde Gestelle wie Kronen und Kreuze – später hoch über den Hörner aufragend – mit Almrausch, den sie nur dafür brauchtumsbegründet pflücken dürfen. Da investieren sie viele Stunden und Abende − die sie ja auch reichlich haben − dafür, dass sie das Signal geben können; ja, heuer war alles wieder gut. Kein Tier ist abgestürzt oder vom Blitz getroffen worden. Kein Todesfall in der Familie verbietet die Freude der Rückkehr ins Tal. Und dann müssen die beiden schon auch mal weinen, weil es fast in die befremdliche Welt hinabgeht. Da, wo das Licht so seltsam konstant bis in die Nacht hinein leuchtet und ein Wecker dafür bedrohlich unnatürlich tickt.




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