Autor Thema: Was das "Heign" mit Schweden zu tun hat  (Gelesen 1549 mal)

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Was das "Heign" mit Schweden zu tun hat
« am: 29. Juli 2014, 11:04:05 »
Die Werkzeuge und Arbeitsschritte rund um die Heuernte hießen und heißen überall ein bisschen anders


Heign (Mähen und Wenden)
"Gmahde Wiesn" sind derzeit ein alltäglicher Anblick – es ist "Heigzeit". Was in der heutigen technisierten Zeit von wenigen Personen und speziellen Gerätschaften bewältigt werden kann, war noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts ein personal-, zeit- und körperkraftintensives Unterfangen. Rund ums "Heign" gibt es  viele ostbairische Dialektwörter.
Ist  das Gras gemäht und welk, muss es mehrmals gewendet werden, damit es gleichmäßig und schnell trocknen konnte. Um die Angriffsfläche für den nächtlichen Tau möglichst gering zu halten, wurde das Heu am Abend zu Reihen oder Haufen zusammengerecht.  Die Haufen heißen im überwiegenden Teil Niederbayerns "Heda", bereits in J.A. Schmellers Bayerischem Wörterbuch als "Häderlein" in dieser Bedeutung aufgeführt. Ganz im Westen (z.B. Riedenburg, Kelheim), Osten (z.B. Büchlberg, Wegscheid) und Süden (z.B. Wittibreut, Würding) Niederbayerns macht man "Schöwal", was auf das mittelhochdeutsche Wort "Schober" mit der Bedeutung  "Haufen" zurückgeht.

Vielfältiger ist die Bezeichnung für die Reihen. Im Bayerischen Wald werden sie "Schlachtl" genannt (von mittelhochdeutsch "Slaht", einer Ableitung des Verbs "slahen", woraus das heutige "schlagen" wurde). Auch "Schdrigl" ist nördlich der Donau gebräuchlich, dieser Ausdruck kommt aus dem Lateinischen von "Striga", das ebenfalls die Bedeutung "Reihe gemähten Grases oder Getreides" hat. Im Südosten Niederbayerns macht man "Zein" ("Zeile", mittelhochdeutsch "Zile"), südlich der Donau "Schdrangan" (mittelhochdeutsch "Strange" mit der Bedeutung "Strang, Streifen") und "Schdraim, Schdram" (mittelhochdeutsch "Stram, Stroum, Streim" mit der Bedeutung "Streifen, Strahl").

"Heintsn" oder Schwedenreiter
War die Wetterprognose zur Heuzeit schlecht, gab es auch die Möglichkeit, das gemähte Gras zum Trocknen aufzuhängen. Dazu wurden unterschiedliche Holzkonstruktionen verwendet, zum Beispiel Gestelle in Form eines "A"  mit zwei  Querstreben, die  aneinander gelehnt und an der Spitze fixiert wurden, oder auch in Form eines Pfostens mit waagrechten Armen, die in verschiedene Richtungen zeigten. Bezeichnet wurden diese Konstruktionen als "Heintsn" oder "Hoantsn" (Heinzen), "Kleemana", "Heiger" oder "Heibök".

Eine modernere Variante waren die "Schwedenreiter":  Zwischen einer Reihe von Holzpfosten wurde in mehreren Etagen Draht gespannt und daran das Gras aufgehängt. Die "Schwedenreiter" haben ihren Namen wohl nicht von Reitern schwedischer Nationalität, die diese Art des Heuens nach Bayern gebracht haben. Wahrscheinlicher ist, dass sich "Schweden" von mittelhochdeutsch "Swaden" herleitet, womit die Menge an Gras bezeichnet wird, die durch einen Schwung der Sense niedergemäht wird. In der Mehrzahl werden daraus die "Swaeden, Sweden" bzw. "Schweden". "Reuter, Reiter" ist ein Sammelbegriff für die Konstruktionen zum Grasaufhängen insgesamt.

War aus dem Gras dann endlich resches Heu geworden, stand der Transport in den heimischen Stadel an. Dazu musste das Heu zunächst wieder zu Reihen zusammengerecht werden, nun aber nicht mehr zu den kleineren "Schlachtl", sondern zu den größeren "Schlochtn". Mit der Heugabel wurde es dann zusammengeschoben und auf den Heuwagen geladen. Das Aufladen war eine recht genau organisierte Tätigkeit. Spätestens, wenn die Ladung die Oberkante der Seitenwände des Heuwagens erreicht hatte, musste das Heu so platziert werden, dass möglichst viel auf den Wagen passte, dort auch verblieb und nicht beim nächsten ruckeligen Anfahren wieder herunterfiel. Deshalb stand eine Person auf dem Heuwagen, um das hinaufgegabelte Heu entgegenzunehmen.

Natürlich gibt es auch hier für jede Tätigkeit eine eigene Bezeichnung. Das Aufladen ist überall als "Afleng" bekannt, ganz im Westen und im Osten sogar ausschließlich. "Afgem" sagt man nördlich und südlich der Donau, "Afschlong" nur nördlich der Donau, und auch hier nicht flächendeckend. Die Menge Heu, die auf den Wagen gegabelt wird, musste für die Person auf dem Wagen, meist eine Frau, gut zu fassen sein. "Bauschen" (mittelhochdeutsch "Busch" mit langem "u") wird diese Menge in ganz Niederbayern genannt, ein "Oamvoi" oder ein "Schiwe" hauptsächlich nördlich der Donau. "Fassen" ist auf niederbayerischem Gebiet die vorherrschende Bezeichnung für das Entgegennehmen und Platzieren des Heus auf dem Wagen, vereinzelt kommt "heirichtn", "lon", "osetzn" und "oleng" vor. Die mundartliche Form von "fassen" lautet "vossn" oder "vosstn" mit Sprosskonsonant "t" (wie z.B. auch bei "niesen": "niassn/nejssn" und "niasstn/nejsstn").

"Fassen" (mittelhochdeutsch "vazzen") ist zudem ein schönes Beispiel, wie in der Mundart bei ein und demselben Wort durch verschiedene lautliche Realisierungen eines Vokals unterschiedliche Bedeutungen zum Ausdruck gebracht werden können.  Die Bedeutung für das mundartliche "vossn/vosstn" mit "o" für den Vokal "a" wurde gerade beschrieben.  Dunkles "a" spricht man in der Mundart, wenn man "fassen" wie im Hochdeutschen gebraucht, z.B. "des is ja ned zum Fassn!". "Fassen" mit ganz hellem "a" wie in "Kaas" hat wieder eine andere Bedeutung: "Den fass a ma!" ("Den knüpfe ich mir vor!")

Ladungssicherung  dank "Wiesbaum"
Zurück zum Heuwagen: Um dem oftmals recht hoch aufgeladenen Heu einen sicheren Halt für den Transport zu geben, wurde zuletzt noch der "Wiesbaum" oben drauf gelegt. Im größten Teil Niederbayerns nördlich und südlich der Donau heißt er "Wischbaum" oder "Wiaschbaum", ganz im Süden "Wisbaum" und "Wiasbaum", östlich der Ilz ebenfalls "Wiasbaum", hier findet sich jedoch auch ein Areal mit "Miasbaum". In der Forschung herrscht Uneinigkeit darüber, wo dieser Ausdruck herkommt. Eine vordergründige Erklärung ist der Zusammenhang mit "Wiese" (mittelhochdeutsch "Wise" mit kurzem "i"). Auch mittelhochdeutsch "wisen" (mit langem "i") mit der Bedeutung "weisen", "leiten" kommt infrage oder, noch weiter zurückgehend, gotisch "gawiss" mit der Bedeutung "Band, Verbindung" – dies eventuell als Hinweis darauf, dass der Wiesbaum ja  befestigt werden musste. Auch dafür gibt es unterschiedliche Bezeichnungen: Man kann den Wiesbaum "roadln" ("reiteln"), "oleng" oder "niedabintn". War auch dies erledigt, stand einer sicheren Heimfahrt mit der Heuladung nichts  im Wege.



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