Autor Thema: "Dua di ned owe – mir san eh glei unt"  (Gelesen 955 mal)

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"Dua di ned owe – mir san eh glei unt"
« am: 10. Juli 2014, 15:33:04 »
"Eine" und "ause", "drent" und "herent"


Woidkircha (Waldkirchen Lkr. FRG)
Touristen aus dem nichtbairischen "Ausland", die sich nach Ankunft an ihrem altbayerischen Urlaubsort bei dialekttreuen Einheimischen nach Weg und Lage ihres Hotels erkundigen, können gleich in den ersten Minuten ihres Aufenthalts Bekanntschaft mit der bairischen Art und Weise machen, Richtung und Ort anzugeben: "Do gengan S' do glei owe, drunt ums Eck ume und zwanz'g Meter fire, no han S' a scho durt", könnte ein Hiesiger den Weg beschrieben haben. Dem "Preußen" gefällt das. Besonders das "e" im Auslaut solcher Ausdrücke hat es ihm angetan, tönt es doch fast wie ein "i" und verbreitet damit einen Hauch von klanglicher Exotik. Bald hört man ihn scherzhaft schon selber so reden: "Lass uns doch noch'ma zur Donau ‚obi‘ gehn, Schatz."
Doch so exotisch ist dieses auslautende "e" gar nicht. Es ist nichts anderes als das lautliche Überbleibsel von "hin", mit dem die Sprecher ihre Perspektive auf Bewegungen im Raum ausdrücken, die von ihnen weg gerichtet sind. Das Besondere im Bairischen ist aber, dass es hinten angehängt wird. "Owe", "ume" und "fire" sind also die Verbindungen "ab-hin", "um-hin" und "für-hin" in bairischer Aussprache. Sie entsprechen den hochdeutschen Ausdrücken "hin-ab", "hin-um" und "hin-für".

Was unserem Touristen dann in der Regel gar nicht mehr auffällt, ist die Tatsache, dass es im Bairischen noch eine andere Endung bei solchen Richtungsausdrücken gibt. Nehmen wir dazu wieder das Beispiel von oben, drehen aber die Perspektive um und lassen den bairischen Hotelier sprechen, der den Urlauber auf sich zukommen sieht: "Der kimmt owa, herunt biagta ums Eck uma, lafft de zwanz'g Meter gor fira, un scho is' er do." Dieses angehängte "a" drückt das genaue Gegenteil von dem aus, was das angehängte "e" leistet. Es zeigt an, dass die Bewegung auf den Sprecher zu gerichtet ist. Es ist der lautliche Rest von "her". "Owa", "uma" und "fira" sind also die Verbindungen "ab-her", "um-her" und "für-her" in bairischer Aussprache. Sie entsprechen den hochdeutschen Ausdrücken "her-ab", "her-um" und "her-für".

Dass unser Tourist, der nur Hochdeutsch kann, diesen Endungsunterschied im Bairischen nicht wahrnimmt, hängt auch damit zusammen, dass diese perspektivische Unterscheidung im Hochdeutschen und in der Umgangssprache gar nicht gemacht wird. Da schickt man von sich weg weisend jemanden den Berg "rauf" genauso, wie man jemanden zu sich auf den Gipfel "rauf" kommen sieht. Der Baier aber muss (!) hier zwischen "afe" und "afa" unterscheiden.

Sprachmuster: Am Ende steht immer das "t" 
Gibt es bei den Ausdrücken für die Lage im Raum ähnliche Möglichkeiten, die Sprecherperspektive zu unterscheiden, wie bei den Ausdrücken für die Bewegung im Raum? – Ja, wenn wir im Eingangsbeispiel den Ausdruck "drunt" und im Umkehrbeispiel den Ausdruck "herunt" betrachten. Nur wird dieser Unterschied diesmal nicht mit Endungen ausgedrückt, sondern mit Vorsilben. "Dr-unt" heißt "dort unten" (fern vom Sprecher), "her-unt" heißt "hier unten" (nah beim Sprecher).

Bei den Vorsilben für den Ausdruck der Lage-Perspektive unterscheidet sich das Bairische also nicht so stark vom Hochdeutschen. Auch dort heißt es ja zum Beispiel "dr-üben" und "her-üben". Das Besondere der bairischen Ausdrücke liegt dagegen wieder am Wortende. Es fehlt nämlich die Nachsilbe "en", so dass es "drunt" heißt statt "drunt-en" und "hint" statt "hint-en". Auch das typisch bairische "drent" und "herent" hat diese Form. Allen gemeinsam ist aber, dass sie auf ein "t" ausgehen. Das ist ein so starkes Muster, dass die Baiern auch solchen Ortsangaben ein "t" anhängen, die es eigentlich gar nicht haben dürften. So sagen sie "draus-t" statt "draus", wie es eigentlich heißen müsste.

Die Ausdrücke, mit denen die Dimensionen "(nach) vorn/hinten" und "(nach) oben/unten" oder die räumlichen Verhältnisse "(nach) innen/außen" gekennzeichnet werden, werden im Bairischen – zumal, wo die Gegend gebirgig oder hüglig ist – mit Ortsnamen verbunden, wo es im Hochdeutschen oft nur blass "in" oder "nach" heißt. In einer Abschlussarbeit am Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft wurde vor ein paar Jahren untersucht, welche genauen räumlichen Differenzierungen die Bewohner unseres Landstrichs vornehmen. Die Verfasserin, Katharina Nigl, konnte zum Beispiel feststellen, dass die Passauer in Orte des Bayerischen Waldes (Grafenau, Freyung, Waldkirchen) "eine" fahren, also hinein in das Gebirge, das offensichtlich als ein Raum empfunden wird, der einen umschließt (gleichsam birgt). Eigentlich müssten dann Bewohner dieser Bayerwald-Orte umgekehrt auf Passau "ause" fahren, also aus dem Gebirgsraum hinaus. Die Waldkirchner fahren aber ebenfalls auf Passau "eine". Doch diesem "eine" liegt eine andere Vorstellung der Umschlossenheit zugrunde. Das kann die Perspektive auf das geschlossene Gebilde Stadt sein, in das man "hinein" fährt, um da "drin" etwas zu besorgen. Das kann aber auch die Vorstellung sein, dass Passau in die Dreiflüsseniederung eingebettet liegt, also im Talkessel "drin", umschlossen von den umgebenden Hügeln.



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