Autor Thema: "Hunt samma scho!"  (Gelesen 892 mal)

Sputnik Magazin

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"Hunt samma scho!"
« am: 17. März 2015, 08:18:25 »



Nicht nur einen "Opfe", sondern zwei Hände voll "Epfe"
Opfe– Epfe, Bruada – Briada, Klousta – Klejsta – Die Bayern sind sehr variantenreich bei der Bildung der Mehrzahl. Die Mehrzahlbildung der Substantive im Hochdeutschen ist vielfältig. Es kann eine Endung angehängt werden, zum Beispiel "-e" bei "Stein – Steine", "-er" bei "Kind – Kinder" oder "-n" bei "Bohne – Bohnen".
Außerdem kann der Plural auch durch einen Umlaut kenntlich gemacht werden wie in "Apfel – Äpfel". Daneben gibt es auch noch Sonderfälle, bei denen zum Beispiel Einzahl und Mehrzahl gleich lauten ("Messer – Messer") oder den Plural auf "-s", der häufig bei Eigennamen ("die Müllers") und bei Fremdwörtern ("CDs" ) vorkommt. Eine weitere Variante der Mehrzahlbildung findet sich mit der Kombination aus angehängtem "-r" und Umlaut, zum Beispiel bei "Buch – Bücher" und "Wand – Wände".
Die bairische Mundart zeigt sich nicht weniger variantenreich auf diesem Gebiet. Einige mundartliche Bildungsmöglichkeiten stimmen mit den standardsprachlichen überein; so z. B. die Mehrzahl auf "-en": "Hos – Hosn" ("Hase – Hasen"), wobei im Bairischen das "e" der Endsilbe ausfällt; oder "Rob – Rom" ("Rabe – Raben"), auch hier fällt das "e" aus und das "b" verschmilzt mit dem Plural-"n" zum "-m" – "Assimilation" nennt man dieses Phänomen in der Fachsprache; es kommt in der Mundart sehr häufig mit dieser Lautkonstellation vor, zum Beispiel "gem" ("geben"), "Grom" ("Graben"), "Lem" ("Leben"), "schteam" ("sterben").
Doch zurück zur Mehrzahl. Wie im Hochdeutschen kann der Plural auch im Bairischen mit Hilfe eines Umlautes, der in der Mundart natürlich ein wenig anders klingt, gebildet werden: "Opfe – Epfe" ("Apfel – Äpfel"), "Bruada – Briada" ("Bruder – Brüder"), "Klousta – Klejsta" ("Kloster – Klöster").

Bemerkenswerter sind natürlich die Fälle, in denen sich Standardsprache und Mundart unterscheiden. Wird etwa im Hochdeutschen die Mehrzahl mit Umlaut und "-e" am Wortende gebildet, fehlt im Bairischen diese Endung: "Maus – Mäuse"; "Maus/Maas – Meis/Määs" oder "Sau – Säue"; "Sau/Saa – Sei/Sää"; "Sohn – Söhne"; "Suu – Sii" (Doppelvokal soll hier lang gesprochene Laute ausdrücken). Standardsprachliche Mehrzahlformen, die auf "-en" bzw. "-e" enden, werden in der Mundart mit Umlaut gekennzeichnet: "Dorn – Dornen"; "Doan – Dean" oder mit einem dem Umlaut entsprechenden langen hellen "aa": "Arm – Arme"; "Oam – Aam" oder "Name – Namen"; "Naam – Naam". Zum Teil kommt diese Variante auch in Kombination mit der Endung "-e" vor, die mundartlich mit einem abgeschwächten
"-a" ausgedrückt wird: "Stein – Steine"; "Stoa – Stoina" oder "Tor – Tore"; "Doa – Deara".

Einige weibliche Hauptwörter können in der bairischen Mehrzahl eine Endung mehr enthalten als im Hochdeutschen: "Schwester – Schwestern"; "Schwesta – Schwestana" oder "Mutter – Mütter"; "Muada – Muadana" oder "Suppe – Suppen"; "Supm – Supma" oder "Natter – Nattern"; "Nodan – Nodana".

Eine weitere Besonderheit der Mehrzahlbildung in der Mundart betrifft ebenfalls nur weibliche Substantive, wie hier in einem Beispiel aus dem Fundus von Mundarterzählungen von Dr. Reinhard Haller: "In da Mettnnacht, do hamand frejas de Beiaringa Gropfa bocha" ("In der Mettennacht, da haben früher die Bäuerinnen Krapfen gebacken"). Diese Variante kommt auch in weiteren weiblichen Berufsbezeichnungen vor, zum Beispiel bei "Näherin – Näherinnen"; "Nadarin – Nadaringa".
"Wenn da Gneed Gsood gschnittn hod …" ("Wenn der Knecht Gsott geschnitten hat …") – in der Einzahl wird "Knecht" im Bairischen mit langem Vokal gesprochen, "Gneed", in der Mehrzahl dagegen mit kurzem "e" und dazu noch mit Reibelaut "ch":
" Gnecht". Auch J. A. Schmeller merkt diesen Sonderfall in seinem Bairischen Wörterbuch an: "Knêd; Pl. Knecht".

Während einige der bisher beschriebenen mundartlichen Formen der Mehrzahlbildung kaum mehr im täglichen Sprachgebrauch vorkommen, weil sie veraltet sind, hört man die folgende Variante nach wie vor: Die Rede ist von einsilbigen Substantiven, die im Hochdeutschen in der Einzahl sowie in der Mehrzahl mit kurzem Selbstlaut gesprochen werden, in der Mehrzahl wird ein Endungs "-e" angehängt: "Tisch – Tische", "Strick – Stricke", "Wirt – Wirte", "Hund – Hunde", "Stich – Stiche", "Griff – Griffe". Im Bairischen wird die Pluralbildung anders gelöst; eine Endsilbe braucht es dazu nicht. In der Einzahl werden die genannten Hauptwörter mit Langvokal gesprochen, während dieser zum Ausdruck der Mehrzahl gekürzt wird und der Mitlaut am Wortende "hart" gesprochen wird: "Diisch – Disch"; "Schdriig – Schdrik";  "Wiad – Wiat"; "Hund – Hunt"; "Schdiich – Schdich"; "Griif – Griff". Passend zum Thema bestätigt sich auch im Hinblick auf die mundartliche Grammatik die bairische Selbsteinschätzung: "Hunt samma/hamma scho!"