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ZitatHintergrund: Welche Mehrheit?
Die sinkenden Umfragewerte der Regierungspartei haben in Kreisen der Opposition die Diskussion über die erfolgreichste Strategie zu den Sejmwahlen wieder aufleben lassen. Wenn man den aktuellen Umfragedaten glaubt, könnten drei der vier demokratischen Oppositionsparteien (PO, »Polen 2050« und Linkspartei) wieder in den Sejm einziehen, die Bauernpartei PSL bliebe bei einer separaten Kandidatur knapp unter der Fünfprozenthürde.
Für eine einfache Mehrheit würde das nach den Umfragen sogar ausreichen. Aber mit einer solchen einfachen Mehrheit könnte die Opposition wenig anfangen, solange ihr mit Staatspräsident Andrzej Duda ein PiS-Mann gegenübersteht, der alle Versuche zu progressiven Veränderungen oder zur Rückholung der PiS-»Reformen« durch sein Veto stoppen könnte. Also, sagen einige Wahlforscher, müsste die Opposition nicht nur die 231 Mandate anstreben, die für die absolute Mehrheit reichen, sondern mindestens die 260, die nötig wären, um ein Veto Dudas zu überstimmen.
Und dann ist da ja noch das von der PiS übernommene Verfassungsgericht. Auch dessen Urteile könnten zwar überstimmt werden, aber dazu bräuchte man eine Zweidrittelmehrheit von 307 Stimmen. Die zu erreichen ist durch einfache Addition der Stimmenanteile unrealistisch.
Aber es gibt einen Trick: Das polnische Wahlrecht gibt größeren Gruppierungen einen Vorteil gegenüber kleineren. So konnte die PiS 2015 mit 38 Prozent der Stimmen (bei einer Wahlbeteiligung von 50 Prozent, also gestützt auf 19 Prozent der Wahlberechtigten) eine absolute Mehrheit der Mandate erhalten, weil die Opposition zersplittert angetreten war und zum Beispiel die Linke damals den Einzug verfehlte. Daher jetzt der Rat vieler Wissenschaftler und Journalisten an die demokratische Opposition, mit einer Einheitsliste anzutreten. Dann, so vor kurzem der Wahlforscher Andrzej Machowski, sei die Zweidrittelmehrheit nicht unrealistisch: Die vereinigte Opposition müsste dann nur noch weniger als drei Prozentpunkte zulegen.
Allerdings ist Machowskis Rechnung ohne das tiefsitzende Misstrauen der Oppositionsparteien und teilweise auch ihrer Klientel gegeneinander gemacht. Die PO würde ein solches Oppositionsbündnis klar dominieren, aber sie ist zum Beispiel in Kreisen der sozialdemokratischen Partei »Razem« wegen ihres Wirtschaftsliberalismus ausgesprochen verhasst. So ist nicht auszuschließen, dass etwa überzeugte Linkswähler lieber gar nicht zur Wahl gehen könnten, als zum soundsovielten Male widerwillig einen PO-Kandidaten zu wählen.
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