Wirtschaftsforum in St. PetersburgGleich mehrere Dinge hat das 25. Internationale Wirtschaftsforum in St. Petersburg gezeigt, das am Sonnabend zu Ende ging. Zum ersten: Dem Westen gelingt es immer noch nicht, Russland zu isolieren. Wenngleich die transatlantische Polit- und Wirtschaftsprominenz dem Treffen fernblieb – führende Repräsentanten einer ganzen Reihe anderer Staaten waren teils real, teils virtuell vertreten. Indiens Gesundheitsminister Mansukh Mandaviya etwa verhandelte am Rande des Forums über den Ausbau der indisch-russischen Pharmakooperation. Chinas Präsident Xi Jinping kündigte die weitere Intensivierung des beiderseitigen Handels an, der trotz Krieg und Sanktionen unverändert boomt. Saudi-Arabiens Energieminister tauschte sich mit Russlands Vizeministerpräsident Alexander Nowak aus, während Ägyptens Präsident Abdel Fattah Al-Sisi wiederum eine geplante russisch-ägyptische Sonderwirtschaftszone am Suezkanal pries. Isolation sähe anders aus.
Freilich sollte das nicht darüber hinwegtäuschen – und das wäre ein zweiter wichtiger Aspekt –, dass in Sankt Petersburg weder harmonische Einmütigkeit noch Zufriedenheit dominierten. Exemplarisch deutlich gemacht hat dies Kasachstans Präsident Kassym-Schomart Tokajew, der auf dem Forum nicht nur düstere Perspektiven sah, sondern auch öffentlich Kritik an Russland übte. »Die Welt ändert sich schnell«, urteilte Tokajew, »aber leider in den meisten Fällen nicht zum Besseren.« Auf den Ukraine-Krieg angesprochen, ging er klar auf Distanz – und verwies auf das Recht aller Staaten auf Souveränität und auf territoriale Integrität. »Es gibt verschiedene Meinungen«, stellte er fest – und bezog das auch auf die Anerkennung von Donezk und Lugansk, die Russland am 21. Februar vollzogen hat. Kasachstan lehnt sie ab.
Die klammheimliche Schadenfreude, mit der so mancher im Westen Tokajews Widerspruch wahrgenommen hat, basiert allerdings ebenfalls – das wäre Aspekt Nummer drei – auf einem Irrtum: Kritik an Russland ist nicht gleichbedeutend mit Parteinahme für die transatlantischen Mächte. Dass sein Land Donezk und Lugansk nicht anerkennen wolle, begründete Tokajew damit, man erkenne ja schließlich auch Taiwan und das Kosovo nicht an – ein Tritt gegen das Schienbein der Staaten, die Abspaltung und Anerkennung des Kosovo vorangetrieben haben. Zudem beruht die Entscheidung einer ganzen Reihe von Unternehmen nicht nur aus China, sondern auch aus Indien, der Türkei und zahlreichen weiteren Ländern, trotz der Sanktionsgefahr das Treffen in Petersburg zu besuchen, darauf, dass sie weiterhin eine Alternative zur westlichen Welt suchen – und in der Summe einen Bruch mit der globalen transatlantischen Dominanz. Dazu kann Russland ökonomisch wie auch politisch einen starken Beitrag leisten; das ist es, was unverändert die große Mehrheit aller Staaten weltweit zur Verweigerung jeglicher Russland-Sanktionen treibt.
Kommentar: Jörg Kronauer
Quelle: jungeWelt (https://jungewelt.de)