Transitbeschränkung nach KaliningradSo ganz wohl ist es den litauischen Heißspornen offenbar nicht mit der Suppe, die sie durch die Blockade von etwa 50 Prozent des Schienengüterverkehrs nach Kaliningrad angerührt haben. Außenminister Gabrielius Landsbergis beteuerte, sein Land habe mit der Sperrung ja nicht im Alleingang gehandelt, sondern gemäß den von der ganzen EU vereinbarten Sanktionen. Auch der Kommentar des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell klang nicht gerade begeistert: Man halte an den Sanktionen fest, werde aber die Ausführungsrichtlinien nochmals überprüfen. Da bekommt jemand gerade kalte Füße.
Dass die Region Kaliningrad – seit 1991 eine russische Exklave zwischen Litauen im Norden und Polen im Süden und Osten – bei einem Großkonflikt zwischen Russland und der NATO ein Brennpunkt werden könnte, haben schriftstellernde Militärs wie der britische General Richard Shirreff schon vor Jahren beschrieben. Es geht darum, Russland von der Ostsee abzudrängen und diese zu einem NATO-Binnengewässer zu machen. Nicht unrichtig hat der russische Präsidentensprecher Dmitri Peskow gesagt, die Bahnblockade sei nur ein erster Schritt. Als nächstes könne der NATO in den Sinn kommen, auch den Seezugang nach Kaliningrad zu sperren. Dann bliebe Russland tatsächlich nur zweierlei: entweder eine Region mit einer Million Bewohnern auf eine längere Belagerung vorzubereiten – oder den Zugang freizukämpfen. Am Nächstliegenden wäre ein Angriff auf die sogenannte Suwalki-Lücke, den Landstreifen von etwa 100 Kilometern Breite zwischen – aus russischer Sicht – Kaliningrad und Belarus, aus NATO-Sicht zwischen Polen und Litauen.
Will der Westen jetzt austesten, ob sich Russland eine zweite Front neben der ukrainischen zutraut? Paradoxerweise sind die politischen Hemmschwellen für einen Krieg in diesem Teil Europas mit der jüngsten Entscheidung Schwedens und Finnlands, der NATO beitreten zu wollen, eher gesunken. Denn während zuvor die Aussicht, durch einen Angriff auf Litauen – oder einen anderen Staat des Baltikums – zwei bisher neutrale Länder in die Arme des Gegners zu treiben, Russland von einem solchen Schritt abgeschreckt haben dürfte, entfällt dieser Hinderungsgrund jetzt, wo die beiden Staaten ohnehin in die westliche Allianz gehen wollen. Russland hat an dieser Stelle nichts mehr zu verlieren – außer Kaliningrad selbst, also einen Teil seines Territoriums. Das könnte Moskau veranlassen, auch seinerseits ins Risiko zu gehen – zumal das Baltikum nicht nur militärisch eine Schwachstelle der NATO ist, sondern auch politisch: Ist Vilnius die Preisgabe von London oder Berlin wert? Dass Russland die Region nicht aus den Augen verloren hat, ist seit Präsident Wladimir Putins Selbstvergleich mit Zar Peter I. offenkundig. Wenn hier zwei um Prestigepunkte pokern, wird es gefährlich.
Kommentar: Reinhard Lauterbach
Quelle: jungeWelt (https://jungewelt.de)